Fakten zum Handwerksbereich

„Das Handwerk im Überblick: Herausforderungen für Handwerksbetriebe”

von Julia Christina Töpel[1]

Zusammenfassung

Jedes fünfte der insgesamt 3,3 Mio. mittelständischen Unternehmen kann als Handwerksunternehmen klassifiziert werden. Somit zählt das Handwerk zu den größten Wirtschaftsbereichen in Deutschland. Es ist eine Verlagerung der Ausführung der Tätigkeiten von ursprünglich in der Werkstatt hin zum Kunde zu erkennen. Insbesondere ist die SHK-Branche von der Verrichtung der Tätigkeiten direkt beim Kunden betroffen. Darüber hinaus können die anfallenden Tätigkeiten kategorisiert werden. Der Handwerksbereich steht gegenwärtig vor neuen Herausforderungen, die sich aus Veränderungen im Aufgabenfeld der Mitarbeiter ergeben. In diesem Kontext ist der Blick auch auf die Verbreitung und den Einsatz von Computern bzw. der Nutzung des Internet zu richten.

1       Das Handwerk

Obwohl das Handwerk zu den ältesten Wirtschaftszweigen der Geschichte gehört, kann auch in der aktuellen Literatur keine „zufriedenstellende und anerkannte Definition“ gefunden werden (Dürig 2002, S. 107f.). Diese Situation wird auch durch den Gesetzgeber unterstützt, der bewusst darauf verzichtet, besondere und charakteristische Merkmale für einen Handwerksbetrieb festzulegen (Honig 1999, S. 108). Eine einheitliche inhaltliche Abgrenzung des Handwerks gegenüber anderen Wirtschaftsbereichen ist schwierig, was auch durch den Einsatz von „Handwerkern“ in anderen Wirtschaftszweigen wie Industrie und Landwirtschaft stark erschwert wird. Trotz dieser Abgrenzungsproblematik kann fast jedes fünfte der insgesamt etwa 3,3 Mio. mittelständischen Unternehmen als Handwerksunternehmen klassifiziert werden, womit das Handwerk zu den größten Wirtschaftsbereichen in Deutschland zählt. Eine genaue Abgrenzung erfolgt über eine in der Handwerksordnung formulierte Positivliste, die das zugehörige Handwerksgewerbe soweit es geht festlegt (Warkotsch 2004, S. 2).Um den hohen Stellenwert des Handwerks im Allgemeinen widerzuspiegeln, gibt es verschiedene aussagekräftige Werte. So stellt das Handwerk mit etwa 5,6 Mio. Beschäftigten ungefähr 15 Prozent der deutschen Erwerbstätigen (Warkotsch 2004, S. 2f.). Mit einem Unternehmensbestand von fast 988 Tsd. Handwerksunternehmen entfallen ein Großteil aller Unternehmen auf das Handwerk (Ditscheid/Posdziech/Henkel 2010). Knapp die Hälfte dieser Betriebe bilden in etwa 440 Tsd. Jugendliche aus, was einer Quote von 34 Prozent aller Auszubildenden entspricht. Zudem ist festzuhalten, dass die Ausbildungsquote im Handwerk circa 10 Prozent über derjenigen aller anderen Wirtschaftszweige liegt. Außerdem trägt das Handwerk mit rund 8 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei (Warkotsch 2004, S. 2f.). Zusammengefasst zeigen diese Werte die hohe Stellung des Handwerk in der deutschen Wirtschaft und macht damit auch deutlich, wie wichtig der Fortschritt und die technische Entwicklung im Bereich des Handwerks ist.

2        Tätigkeitsfeld des Handwerks

Das Handwerk umfasst in seiner ursprünglichen Form sowohl das Baugewerbe, als auch das Ausbau- und Bauhilfsgewerbe (ohne Verfasser 1961, S. 9 u. 77-80). In diesen Handwerksbereichen sind diverse Berufe angesiedelt, in denen die üblichen Tätigkeiten immer weniger in der Werkstatt oder im Büro stattfinden. Gerade im Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik-Handwerk (SHK-Handwerk) werden die anfallenden Arbeiten direkt beim Kunden „vor Ort“ auf unterschiedliche Weise erledigt (Hoppe 1999, S. 1). Die in diesem Zusammenhang anfallenden Tätigkeiten sind gewöhnlich Kundenaufträge, die sich in

  • Reparatur/Austausch: kleinere Arbeiten, Ersatz von Einzelteilen und Austausch ganzer Komponenten,
  • Modernisierung/Sanierung: umfangreiche Tätigkeiten, gewöhnlich in Altbauten, wie Austausch und Ersatz ganzer Systeme,
  • Neuinstallation: umfangreiche Tätigkeiten in Neubauten wie z. B. Erstinstallation kompletter Systeme und Komponenten,
  • Wartung und Service: regelmäßige und wiederkehrende Arbeiten an Systemen und Einzelkomponenten.

aufteilen lassen (Hoppe 1999, S. 3).

Die Tätigkeiten im SHK-Handwerk werden durch diverse Merkmale beschrieben, welche durch die Konzentration auf Kundenaufträge erklärt werden können. Zum einen wird der Handwerksbetrieb durch Dezentralität definiert. Da es sich gewöhnlich um Kundenaufträge handelt, produziert der Betrieb nicht für den anonymen Markt, sondern hat direkten Kontakt zu einem konkreten Kunden. Hinzu kommt das Merkmal der Leistungsdifferenzierung. Sowohl die Produkte als auch die Dienstleistungen sind auf die vielfältigen und wechselnden individuellen Kundenwünsche ausgerichtet. Die Aufträge sind in der Regel ganzheitlich-komplexe Produkte und Dienstleistungen, die auf Grund ihrer zwischenbetrieblichen Arbeitsteilung durch eine relativ geringe Fertigungstiefe gekennzeichnet sind (Hoppe 1999, S. 5). Die individuellen und auch relativ „offenen“ Kundenwünsche setzen eine hohe gestalterische-innovatorische Anforderung an den einzelnen Mitarbeiter voraus, um die Umsetzung der Wünsche zu gewährleisten. Damit haben die einzelnen Mitarbeiter regelmäßig ganzheitliche-komplexe Arbeitsaufgaben. Dadurch bestehen innerhalb der Handwerksbetriebe flache Hierarchien und wenig formalisierten Entscheidungs- und Kontrollstrukturen (Hoppe 1999, S. 6).

3        Herausforderungen im Handwerk

Planungs-, Montage- und Ausführungskompetenzen waren über lange Zeit wichtige Kriterien für die Kundenbindung von Handwerksbetrieben. Die Entwicklung zeigt, dass diese Kriterien in den Hintergrund gerückt sind. Die Überlebensfähigkeit von Handwerksbetrieben ist primär nicht mehr von den genannten Kompetenzen abhängig. An diese Stelle sind die Fähigkeiten von Betrieben gerückt, flexibel auf Kundenwünsche zu reagieren und eine professionelle Auftragsabwicklung durchzuführen. Die Beratung, die Qualität der Arbeit, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Zuverlässigkeit und der Umgang spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle (Borchardt 2008, S. 9). Vielen Unternehmen ist jedoch nicht bewusst, dass es sich bei diesen Faktoren um Standardleistungen aus Sicht der Kunden handelt. Um bestehende Kunden zu binden müssen diese Faktoren während der Kundenaufträge umgesetzt werden. Dabei ist die Tatsache nicht zu vernachlässigen, dass der Mitarbeiter die entscheidende Schnittstelle zwischen den Kunden und dem Unternehmen ist (Borchardt 2008, S. 9f.).

Der Eindruck, den der Mitarbeiter vor Ort vermittelt, ist der den die Kunden behalten und sich bei dem nächsten Auftrag wieder ins Gedächtnis rufen. War der Eindruck nicht entsprechend der Erwartungen, wird für zukünftige Aufträge ein anderes Unternehmen beauftragt. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Handwerker häufig allein Aufträge ausführen, ist die Professionalität der Arbeit abhängig vom jeweiligen Mitarbeiter. Davon hängt letzten Endes auch die Zuverlässigkeit ab. Daraus lässt sich ableiten, dass das Hauptproblem der Betriebe darin besteht, die verschiedenen Zielvorstellungen, Fähigkeiten und Einstellungen der Mitarbeiter so einzusetzen, dass daraus ein effektives und effizientes System entsteht, welches wiederum den Ansprüchen der Kunden genügen kann (Rohrlack 2009, S. 27). Aus dieser Entwicklung heraus bildet sich Wissen zu einer starken und wichtigen Ressource im Bereich der Kundenbindung und des wettbewerbsstärkenden Verhaltens.

Um diesen Ansprüchen zu genügen ist ein hohes Maß an Wissen erforderlich. Verschiedene Hersteller produzieren verschiedene Geräte wie Gasbrenner, Standkessel, Ölbrenner, Solaranlagen, Fotovoltaik-Anlagen. Jede dieser Anlagen ist abhängig vom Hersteller anders aufgebaut. Hinzu kommende neue Geräte lernt ein Mitarbeiter häufig erst kennen, wenn er beim Kunden vor dem Gerät steht. Dadurch entsteht beim Kunden ein inkompetenter Eindruck von dem handwerklichen Mitarbeiter. Das in diesem Zusammenhang notwendige Wissen wird häufig von erfahrenen zu unerfahrenen Mitarbeitern weitergegeben, was im Dialog mit Mitarbeitern im Handwerk deutlich wird. Dieser Austausch ist unumgänglich, da ein großer Teil des vorhandenen Wissens auf langjährigen Erfahrungen beruht. Dazu gehören neben den genannten Informationen auch der Austausch über „Kinderkrankheiten“ von neuen Maschinen und regelmäßig auftretende Probleme. Dieser Austausch erfolgt häufig telefonisch, was in diesem Zusammenhang beide Mitarbeiter von der Arbeit abhält (Wegener 2011).

Damit wird auch der Grund einer virtuellen Lerngemeinschaft für diesen Bereich deutlich. Jeder Mitarbeiter hätte auf einem mobilen Endgerät die Möglichkeit die Informationen abzurufen, die für ihn in der entsprechenden Situation notwendig sind. Das können Baupläne von Maschinen, häufig auftretende Probleme oder auch andere Fragen sein. Dafür sind in einer virtuellen Datenbank entsprechende Datensätze zu hinterlegen, auf die jeder Nutzer nach Bedarf zugreifen kann. Hier schließt sich allerdings die nächste Besonderheit an, die den Einsatz von virtuellen Lerngemeinschaften erschwert. Im Handwerksbereich kommen zu den bekannten Zeit- und Machtbarrieren auch die Barrieren durch den Umgang mit dem Computer hinzu. Die nachfolgenden Abbildungen stellen die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien in Handwerksbetrieben des Baugewerbes unterteilt nach Betriebsgrößen dar.

Wie in Abbildung 1 anschaulich dargestellt wird, verfügen die mittelständischen bis großen Handwerksbetriebe vollständig über einen Computer. Auch die Kleinst- und Kleinunternehmen verfügen zu mindestens 88% über einen PC.

Abbildung 1: Einsatz von Computern im Baugewerbe für die Jahre 2009-2010, Aufteilung nach Unternehmensgröße, Angaben in Prozent
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an (ohne Verfasser 2011)

Obwohl im Einsatz von Computern in Handwerksunternehmen eine so hohe Quote erreicht wird, ist die Nutzung von PCs durch die Mitarbeiter seltener. Lediglich 59 Prozent der Mitarbeiter nutzen im Durchschnitt einen Computer. Wie die nachfolgende Abbildung zeigt, ist auch hier die Quote in den mittleren und großen Betrieben höher, steigt jedoch nicht über 65 Prozent (ohne Verfasser 2011). Es wird deutlich, wie wenige Handwerker im Internetzeitalter im Rahmen der täglichen Arbeit überhaupt Zugang zu einem Computer haben. Dabei ist die Internetfähigkeit dieser Computer noch gar nicht dargestellt.

Abbildung 2: Im Baugewerbe tätige Personen, die Computer nutzen für die Jahre 2009-2010, Aufteilung nach Unternehmensgröße, Angaben in Prozent
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an (ohne Verfasser 2011)

Damit wird klar, dass eine virtuelle Lerngemeinschaft nicht nur die üblichen Hürden der Wissensteilung überwinden muss. In diesem Zusammenhang sind auch die Hürden im Rahmen der Motivation bezüglich Computernutzung zu überwinden. Für viele der Mitarbeiter ist der tägliche berufliche Umgang mit einem PC bisher nicht in den Arbeitsalltag integriert. Dazu kommt, dass sich neben der steigenden Nutzung des Computers auch die Hauptaufgabe der Handwerker in den letzten Jahren geändert hat. Die täglichen Aufgaben eines Handwerkers gehen weg vom reinen handwerklichen Arbeiten. Stattdessen ändert sich das Aufgabenfeld hin zum Dienstleister und Berater. Wo der Handwerker früher noch selbst in der Werkstatt ein Teil angefertigt oder repariert hat, wird dies heute nur noch bestellt und beim Kunden eingesetzt. Reparaturarbeiten erfolgen dementsprechend häufig durch den Hersteller (durch Einsenden fehlerhafter Teile) und nicht mehr im jeweiligen Handwerksbetrieb.

Literatur

Borchardt, H.-J. (2008): Zukunft und Perspektiven des Handwerks. GRIN Verlag GmbH, München 2008.

Ditscheid, H. B.; Posdziech, N.; Henkel, A. (2010): Betriebszahlen. In: http://www.zdh-statistik.de/application/index.php?mID=3&cID=47, zugegriffen am 22.07.2011.

Dürig, W. (2002): Wandel des Berufsbildes des selbständigen Handwerkmeisters in der wissensorientierten Ökonomie. In: Lagemann, B., Löbbe, K. &. Schrumpf, H. (Hrsg.): RIW-Mitteilungen – Wirtschaftlicher Strukturwandel und Wirtschaftspolitik auf dem Weg in die wissensbasierte Ökonomie, Bd. 53, S. 107–126.

Honig, G. (1999): Handwerksordnung – Mit Lehrlingsvertragsrecht des Berufsbildungsgesetzes (BBiG); Kommentar. 2. Aufl., Beck, München 1999.

Hoppe, M. (1999): Analyse und Strukturierung von Kundenaufträgen im Handwerk. FH Münster. In https://en.fh-muenster.de/ibl/downloads/projekte/informationsportal
/hoppe_-_kundenauftr__ge_im_handwerk_1.pdf, zugegriffen am: 23.08.2011.

Ohne Verfasser (1961): Systematik der Wirtschaftszweige – Grundsystematik mit Erläuterungen. Verlag W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart, Mainz 1961. In: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Klassifikationen/GueterWirtschaftklassifikationen/klassifikationenwz1961,property=file.pdf, zuletzt geprüft am 21.06.2011.

Ohne Verfasser (2011): Informations- und Kommunikationstechnologie in Unternehmen – Deutschland, Jahre, Wirtschaftszweige, Nutzung von IKT, Beschäftigungsklassen. In:  https://www.genesis.destatis.de/genesis/online;jsessionid=B6BA2DED401D26C4EA89F6E999C5A08C.tomcat_GO_2_2?operation=abruftabelleAbrufen&selectionname=52911-0001&levelindex=1&levelid=1308655384067&index=1, zugegriffen am 21.06.2011.

Rohrlack, K. (2009): Analyse des betrieblichen Verhaltens von Handwerksbetrieben im Hinblick auf demographische Entwicklungen.  Rainer Hampp Verlag, Mering 2009.

Warkotsch, N. (2004): Einflussgrößen und Wirkungen des Innovationsverhaltens von Handwerksunternehmen – Modell und empirische Ergebnisse. 1. Aufl., Ludwig-Fröhler-Inst., München 2004.

Wegener, R. (2011): Analyse der Arbeitsprozesse von SHK- Monteuren (interner Arbeitsbericht). Universität Kassel.


[1] Auszug einer Master-Thesis:

Töpel, J. C. (2011): Anreizmechanismen zur Förderung der Partizipation in virtuellen Lerngemeinschaften im Handwerksbereich. Master-Thesis, Universität Kassel 2011.