Partizipation im Web 2.0

„Motive von Individuen zur Wissensteilung in virtuellen Lerngemeinschaften“

von Julia Christina Töpel[1]

Zusammenfassung

Motive können als Handlungsauslöser betrachtet werden. Dabei handelt es sich um Wünsche von Personen, deren Nutzen im Anschluss der Handlung befriedigt wird. Generell ist eine Unterscheidung zwischen kommerziellen und nicht-kommerziellen Motiven möglich. In diesem Kontext handelt es sich um individuelle Motive, die das Handeln einer Person erklären können. Jedoch ist zu beachten, dass nicht für jede Person die gleichen Motive von Bedeutung sind. Ferner stellt sich die Frage, wie solche Motive auf virtuelle Lerngemeinschaft übertragen werden können. Vor diesem Hintergrund werden die vorgestellten Motive im Kontext der Wissensteilung innerhalb von virtuellen Lerngemeinschaften nochmals aufgegriffen.

1 Übersicht und Kategorisierungsansatz der Motive von Individuen

Vor dem Hintergrund der Motivationstheorie können Motive als Handlungsauslöser angesehen werden. Dies erfolgt auf Grund der Wünsche von Personen, dass der Nutzen der jeweiligen Motive im Anschluss der Handlung befriedigt wird. Diese Motive werden nachfolgend dargestellt. Dafür kann ganz generell zwischen den kommerziellen und nicht-kommerziellen Motiven unterschieden werden. Durch Web 2.0 Plattformen erhalten z. B. Privatpersonen direkten Zugang zum Markt und haben somit die Möglichkeit ihre potentiellen Produkte direkt zu vermarkten, ohne vorher Herausgeber oder ähnliche Anbieter von der Qualität ihrer Angebote überzeugen zu müssen. Bei diesen Möglichkeiten der Nutzung handelt es sich um kommerzielle Motive (Kreutzer/Merkle 2008, S. 155).


Abbildung 1: Motivstrukturen des Web 2.0
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an (Kreutzer/Merkle 2008, S. 15)

Nicht-kommerzielle Motive basieren auf ihrem immateriellen Charakter und können im Gegensatz zu den kommerziellen Motiven weiter unterteilt werden. So ist z. B. ein Motiv, das Menschen motiviert sich im Web 2.0 zu beteiligen die Selbstdarstellung. Schon im täglichen und realen Leben erfreut sich die Selbstdarstellung großer Beliebtheit. Ob in Fernsehformaten wie „BigBrother“ oder den Talkshowrunden am Nachmittag, hier wird gezeigt, wie wichtig es den Menschen ist, sich selbst zu präsentieren. Im Gegensatz zu den erwähnten Formaten ist es im Web 2.0 jedoch wesentlich einfacher, sich der Internet-Welt zu zeigen, da hier keine aufwendigen Bewerbungsprozesse nötig sind (Kreutzer/Merkle 2008, S. 152). Folge dieser Selbstdarstellung kann ein erhöhtes Selbstwertgefühl sein (Butler et al. 2002, S. 9). Durch ein positives Feedback kann das Selbstwertgefühl durch die anderen Teilnehmer erhöht werden. Damit einher geht der hohe Wunsch des Mitteilungsdrangs, wobei hier nicht das Sichtbarmachen der eigenen Person, sondern eher die Wissensteilung, Bewertungen und persönliche Einschätzungen im Mittelpunkt stehen (Kreutzer/Merkle 2008, S. 153). Dies unterstützt, durch die Wissensteilung, das Motiv des Lernens bei Individuen. Zudem kann mit dem Mitteilungsdrang auch ein Machtmotiv verbunden werden, denn durch die beschriebenen Beiträge kann ein Individuum in der virtuellen Welt schnell zum Meinungsführer werden (Kreutzer/Merkle 2008, S. 153). Dies führt auch zu einem gewissen Einfluss. Gerade da der Einfluss in der realen Welt häufig nur reduziert wahrgenommen wird, ist ein Anreiz, der die Teilnahme im Web 2.0 erhöht die Möglichkeit der Einflussnahme in der virtuellen Welt (Alby 2008, S. 117). Hinzu kommt in der virtuellen Welt der Anreiz des Knüpfens von sozialen Kontakten. Wer sein Profil besonders aufwendig gestaltet oder mit besonders vielen Informationen bestückt hat auch die Chance, dass ihn besonders viele andere Nutzer kennen lernen möchten (Alby 2008, S. 116). Dieses Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein bzw. wie weiter oben bereits erwähnt, mit der Gemeinschaft Wissen geteilt zu haben und damit bei der Lösung eines Problems geholfen zu haben, befriedigt schlussendlich auch den Anreiz nach Aufmerksamkeit (Alby 2008, S. 116f.). Der Wunsch, einen Betrag zu Leisten um anderen zu helfen befriedigt auch den Wunsch nach Altruismus[2]. Damit ist das Verhalten einer Person gemeint, dass einer anderen Person mehr Nutzen einbringt als ihm oder ihr selbst (Butler et al. 2002, S. 9). Der Vollständigkeit halber wird an dieser Stelle auch der Eskapismus als Anreiz genannt. Damit sind das Vergessen und das Entfliehen vor den eigenen Problemen gemeint, sowie das Erzeugen von Emotionen und Ablenken von Regeln und Normen der Realität (Bonfadelli 2004, S. 211). Das zuletzt genannte Motiv soll in der weiteren Betrachtung jedoch keine weitere Rolle einnehmen.

Bei den beschriebenen Motiven handelt es sich um individuelle Gründe, die das Handeln einer Person erklären sollen. Dabei sind nicht für jeden die gleichen Motive bedeutsam. Diese Motive können durch Anreize erhöht werden.

2 Motive zur Wissensteilung in virtuellen Lerngemeinschaften

Das eigene vorhandene Wissen preiszugeben kann als eine Art der Selbstdarstellung dienen, da es als Faktor der Abgrenzung gegenüber anderen Teilnehmern gilt. Zusätzlich kann die erfolgreiche Wissensteilung von Individuen als Aufwertung ihrer beruflichen Leistungen gesehen werden (Lin/Lu 2011, S. 1153). Dies soll dann einerseits zu mehr Aufmerksamkeit durch Kollegen und Vorgesetzte führen. Andererseits führt das „zur Schau stellen“ des eigenen Wissens möglicherweise dazu, dass der Mitarbeiter dem Vorgesetzten soweit auffällt, dass er bei zukünftigen freien und höheren Stellen im Rahmen der Besetzung berücksichtigt wird. So führt das Teilen von Wissen möglicherweise zu einer besseren Stellung im Beruf und spricht somit auf Grund der möglichen besseren Bezahlung auch gleichzeitig das kommerzielle Motiv an. Eine Aufstellung möglicher Motive in virtuellen Lerngemeinschaften erfolgt in der nachfolgenden Tabelle.


Tabelle 1: Motive in virtuellen Lerngemeinschaften
Quelle: Eigene Darstellung

Ein weiteres Motiv bzw. eine weiterer Nutzen kann im Lernen gesehen werden. Eine virtuelle Lerngemeinschaft lebt über die Teilnahme verschiedenster Nutzer. Teilnehmer stellen ihr Wissen zur Verfügung, was den Lerneffekt der jeweils anderen Teilnehmer zur Folge hat. Außerdem erwarten die Nutzer Hilfe von anderen, wenn sie vorher auch geholfen haben. Sie erwarten also eine Antwort auf ihre Fragen und damit einen Lerneffekt (Faraj/McLure Wasko 2000, S. 163). Dies baut auf dem bereits genannten Verhalten der Reziprozität auf. Einem Nutzer, den ein solches Wissensteilen bereits einmal geholfen hat, fühlt sich als Gegenleistung möglicherweise dazu motiviert, auch sein Wissen zu teilen um damit anderen zu helfen. Daraus lässt sich indirekt auf den nächsten möglichen Nutzen schließen, der darin liegt Teil der Gemeinschaft zu sein. Wirklich wahrgenommen in der Gemeinschaft wird der Teilnehmer erst, wenn er aktiv daran teilnimmt. Wissen zu teilen macht den Teilnehmer bemerkbar und somit zu einem Teil der Gemeinschaft. Damit folgt er auch dem Mitteilungsdrang, der als Motiv gesehen werden kann. Zusätzlich bekommt der Teilnehmer durch die die Weitergabe von Wissen Einfluss. Die anderen Teilnehmer agieren zum Teil entsprechend seiner Informationen und seines Wissensstand. So kann auch dieser Nutzen durch das Teilen von Wissen erreicht werden. Somit kann eine Erklärung dafür, wieso Individuen generell ihr Wissen teilen, darin gesehen werden, dass sich der persönliche Nutzen erhöht. Diese Darstellung zeigt aber auch, dass verschiedene Motive als Bündel Auslöser für eine Handlung sein können. Es zeigt sich zudem, dass eine eindeutige Abgrenzung der einzelnen Motive untereinander schwer ist. Dies ist auch damit zu begründen, dass jeder Motive entsprechend seiner Lebenseinstellung und Erfahrung anders wahrnimmt. Folglich ist davon auszugehen, dass für eine Handlung verschiedene nicht eindeutig voneinander abzugrenzende Motive die Handlung eines jeden auslösen. Dabei ist in diesem Zusammenhang erneut darauf hinzuweisen, dass diese Bündel an Motiven für jeden Menschen anders ausfallen können.

Literatur

Alby, T. (2008): Web 2.0. Konzepte, Anwendungen, Technologien. 3., überarb. Aufl., Hanser, München 2008.

Bonfadelli, H. (2004): Grundlagen und theoretische Perspektiven. 3., überarb. Aufl., UVK Verl.-Ges, Konstanz 2004.

Butler, B.; Sproull, L.; Kiesler, S.; Kraut, R. (2002): Community Effort in Online Groups – Who Does the Work and Why? In: Leadership at a Distance (2002), S. 1–32.

Faraj, S.; McLure Wasko, M. (2000): “It is what one does”: Why people participate and help others in electronic communities of practice. In: Journal of Strategic Information Systems (9) (2000), S. 155–173.

Kreutzer, R. T.; Merkle, W. (2008): Web 2.0. Welche Potenziale gilt es zu heben? In: Kreutzer, R. und Merkle, W. (Hrsg.): Die neue Macht des Marketing – Wie Sie Ihr Unternehmen mit Emotion, Innovation und Präzision profilieren. 1. Aufl., Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler, Wiesbaden 2008. S. 149–184.

Lenzen, M. (2003): Evolutionstheorien in den Natur- und Sozialwissenschaften. Campus Verl., Frankfurt [u.a.] 2003.

Lin, K.-Y.; Lu, H.-P. (2011): Why people use social networking sites – An empirical study integrating network externalities and motivation theory. In: Computers in Human Behavior 27 (3) (2011), S. 1152–1161.


[1] Auszug einer Master-Thesis:

Töpel, J. C. (2011): Anreizmechanismen zur Förderung der Partizipation in virtuellen Lerngemeinschaften im Handwerksbereich. Master-Thesis, Universität Kassel 2011.

[2] Der Altruismus ist durch solche Handlungsweisen definiert, die dem Handelnden mehr Kosten als Nutzen einbringen, zugunsten eines anderen Individuums (Lenzen 2003, S. 112).